“Die Gesundheit ist das höchste Gut.”. “Hauptsache gesund.” “Solange wir nur alle gesund bleiben…”. Diese und ähnliche Sätze habe ich häufig in der Schwangerschaft mit meiner Tochter gehört, die nicht gesund war und es auch jetzt nicht ist. Und ich höre die Sätze heute, in Zeiten der Corona-Pandemie. In beiden Fällen sind sie falsch und außerdem in dieser Falschheit gefährlich.

Wie damals in meiner Schwangerschaft ringe ich, ob das, was ich zu sagen habe, in angemessener Differenziertheit aufgenommen werden wird. Wie damals weiß ich nicht, ob man mich aufgrund der Worte, die ich schreibe, in eine Ecke stellen wird: Damals mit radikalen Abtreibungsgegner*innen, mit denen ich nichts gemein habe, heute mit der rechten Szene, mit Verschwörungstheorien und generellem Leugnen der Existenz des Coronavirus. Ich schreibe trotzdem, denn gerade wenn Fronten verhärtet scheinen ist die Mitte die Letzte, die verstummen darf, aus Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Auch dies: Damals wie heute.

Nicht die Gesundheit ist das höchste und schützenswerte Gut, das wir haben, sondern es ist die Menschenwürde.

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” – nicht die Gesundheit – dies ist der erste Satz unserer Verfassung, der Leitprinzip für alles politische und gesellschaftliche Tun und Lassen sein soll. Die Maßnahmen, die unser Land derzeit zur Begrenzung eines Virus trifft, beschränken nicht willentlich die Menschenwürde, aber sie haben diese auch nicht als Leitbild. Warum dies gefährlich ist, dazu komme ich später. Zunächst geht es darum zu erklären, warum die unbedingte Wahrung und Achtung der Würde so wichtig und richtig ist.

Oft ist bei Gegnern der Corona-Maßnahmen die Rede davon, dass wir alle in illegitimer Weise in unserer Freiheit eingeschränkt werden. Es stimmt ja auch, das ist so: Wir werden eingeschränkt. Was diesem Argument allerdings die Stärke nimmt ist die Tatsache, dass wir alle, permanent und immer, unfrei sind. Wir sind es, weil wir soziale Wesen sind, deren Freiheit da endet, wo sie die Freiheit der anderen beschränken würde. Ich darf doch niemals tun und lassen was ich möchte – ob mit oder ohne Pandemie. Ich darf niemals feiern, solange ich möchte, oder meinen Laden öffnen, wann und solange ich will, ja, ich darf – meistens – noch nicht einmal frei entschieden, wie schnell ich Auto fahren möchte. Allein mit der begrenzten Freiheit zu argumentieren ist also für sich genommen nicht triftig, denn es gibt keine trennscharfe Grenze, ab der eine legitime Grenze des eigenen Tuns zu einem illegitimen Eingriff der Staatsgewalt wird.

Ronja ist nicht ganz gesund. Ist ihr Leben dadurch schlechter?

Wenn man dann etwas differenzierter argumentieren möchte, wird gerne auf den Trade-off zwischen Freiheit und Sicherheit verwiesen.

Das ist nicht nicht dumm, und es ist eine Abwägung, die es sich auch immer wieder zu verhandeln lohnt – sei es beim Thema Autofahren, sei es beim Thema Waffenbesitz.
Wenn es um den Umgang mit dem Coronavirus geht, ist diese Diskussion allerdings nicht zielführend. Erstens, weil Freiheit wie gesagt keine harten Grenzen hat. Zweitens, und das ist das Entscheidende, weil das Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit voraussetzt, dass wir beides in der Hand haben und durch menschliches Tun steuern können. Sicherheit als Sicherung unserer Gesundheit ist aber nicht garantierbar durch menschliches Tun. Wir können Maßnahmen treffen um Gesundheit zu fördern. Wir können es als ein Menschenrecht erklären, dass niemand durch einen anderen Menschen in seiner körperlichen Unversehrtheit beschädigt werden darf, auch das. Wir können aber, ganz egal was wir auch versuchen, niemandem eine Garantie geben, dass er gesund bleibt und nicht sterben wird. Deswegen kann es einen Trade-Off zwischen Freiheit und Gesundheit nur in sehr eingeschränktem Maße geben: Wenn ich allen Menschen auf dieser Welt die Waffen verbiete, dann kann ich sicher sein, dass niemand mehr durch eine Schusswaffe ums Leben kommen wird. Sperre ich aber alle Haushalte für ein Jahr lang ein, dann werden Menschen trotzdem krank werden und sie werden sterben. Vielleicht nicht an Covid-19, dafür an anderen Krankheiten. Weil Krankheit und Tod zum Leben dazugehören.

Es ist unpopulär, auszusprechen, dass wir Leben und Tod nicht beherrschen können. Deswegen tut es auch keiner.

Und deswegen klammern wir alle uns verzweifelt an möglichst symbolträchtige Maßnahmen, die uns das Gefühl geben, wir hätten es in der Hand. Wie all die Untersuchungen, die ich in einer Schwangerschaft machen kann, um abzulenken von der Erkenntnis darein, wie unendlich wenig man tatsächlich beeinflussen oder vorher diagnostizieren kann, wenn es um das Leben und die Gesundheit eines Kindes geht.

Wir verlassen uns auf Zahlen ohne Zusammenhang, weil es Menschen beruhigt, zusammenhanglose Zahlen zu hören, zu wiederholen und weiterzusagen. Auch dies: Wie in meiner Schwangerschaft und wie bei jeder Art medizinischer Versorgung.

Was wir dabei aus den Augen verlieren ist eben dies: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt”.

Die Würde müssen wir deswegen als oberste Maxime unseres Handelns schützen, weil es in unserer Hand liegt, dies zu tun. Anders als bei der Gesundheit.

Wir können bestimmen, in welcher Art und Weise Kranke versorgt werden und wie würdevoll Menschen sterben. Dafür, um das zu ermöglichen, müssen wir unsere medizinische Infrastruktur ausbauen und wir müssen daran mitwirken, die Infektionskurve nicht zu steil werden zu lassen. Es ist unerträglich für eine Gesellschaft Triage-Entscheidungen treffen zu müssen. Wir können und müssen unser Möglichstes tun um medizinische Versorgung zu gewährleisten und Leiden zu mindern.
Egal, was wir aber tun – dass Menschen sterben werden, wir nicht verhindern können. Es gehört zum Leben dazu.
Es ist nicht menschenwürdig Alte, Kranke und Menschen mit Behinderung einzusperren und sie in Einsamkeit sterben zu lassen, wie es geschehen ist im Frühling. Es ist nicht menschenwürdig schutzbedürftigen Kindern alle Hilfen zu entziehen und sie ihren gewalttätigen Eltern zu überlassen, wie es ebenfalls geschehen ist.
Ist es noch legitim, Menschen ihre wirtschaftliche Existenz zu nehmen, indem man sie zum zweiten Lockdown zwingt? Verletzt auch dies die Würde der Menschen, indem man sie zu Empfängern von Almosen macht? Ich weiß es nicht. Man sollte darüber sprechen.

Ronja im Park
Ich glaube, dass mein Kind glücklich ist
Gefährlich ist die Fixierung auf die Gesundheit als höchsten Wert deswegen, weil es sich stillschweigend als Maxime in unser Denken einschleicht und die Art und Weise vergiftet, wie wir über Menschen denken, die nicht gesund sind.

Wenn wir alles daransetzen, nicht krank zu werden und nicht zu sterben – wie unerträglich muss dann die Krankheit als Zustand sein? Wenn wir uns nur auf Gesunderhaltung konzentrieren, dann vergessen wir, dass es nicht die Krankheit ist, vor der wir uns fürchten sollten, sondern das Leid, das Ausgeschlossen-Sein und auch das unnötige Mitleid der Gesunden. Krankheit soll und muss nicht mit Leid verbunden sein, denn letzteres können wir lindern. Eine Politik, die die Würde der Menschen als oberste Maxime hat, würde alles daran setzen dies zu tun. Eine Politik, die nur die Gesundheit im Fokus hat läuft Gefahr, das Leid zu potenzieren anstatt es zu mindern und die Würde vieler zu verletzen.

5 Gedanken zu “Warum die Würde wichtiger ist als die Gesundheit – gerade in Zeiten von Corona

  1. Liebe Gundula
    Ich bin 65 , habe einen Sohn und zwei Enkelkinder und ich bin sehr gerührt und beglückt, dass eine junge Frau das ausdrücken kann, was ich empfinde.
    Vielen Dank
    Sabine

  2. Ja, genauso sehe ich das auch. Ich befürchte, das Virus wird sich um unsere Vorschriften weniger scheren, als wir uns das erhoffen. Nicht jedes Problem lässt sich durch eine Kaskade von Vorschriften lösen. Und was diese Gesellschaft den alten Menschen in den Altenheimen angetan hat und antut, werde ich ihr niemals verzeihen können. Die alten Menschen leiden.

  3. Vielen Dank für diesen tollen Text!
    “Man sollte darüber sprechen.” Darüber sprechen. Genau. Das ist so wichtig – und gerät zur Zeit doch allzu oft in Vergessenheit…

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