Seit einigen Tagen kann Ronja selbständig sitzen. Sich selbst ins sitzen hochziehen kann sie allerdings noch nicht. In Ronjas und meinen Stolz und Freude über diese ganz neue Perspektive auf die Welt, mischen sich, wann immer wir das Sitzen zelebrieren, meinerseits auch Bedenken. Ob es gut ist, ihr beim sich hochziehen zu helfen. Ob sie nicht lieber besser weiter krabbeln und robben üben sollte. Ob das Sitzen nicht dem Rücken schadet. Ob, ob, ob.

Ronja sitzend
Seit einigen Tagen kann Ronja alleine sitzen

Es sind Gedanken darüber, ob es nicht in dem Augenblick, in dem wir gerade sind, etwas gäbe, mit dem ich Ronja besser fördern könnte.

Natürlich kann man sich so etwas nur fragen, wenn man ein bisschen etwas weiß über kindliche Entwicklung. Ich weiß ein bisschen etwas, möchte ich behaupten. Ich lese gern. Vieles weiß ich auch aus Gesprächen mit Ronjas Physiotherapeutin in der Frühforderung. Diese Gespräche und das Wissen, die sind das Gute. Das Schlechte ist die Gefahr, eben dadurch die besonderen Momente zwischen Mutter und Kind nicht mehr genießen zu können, sondern in die permanente Analyse des eigenen Verhaltens abzurutschen, um dieses im Hinblick auf optimale kindliche Förderung zu perfektionieren.

Damit sind wir mitten drin im ersten Problemfeld der (Früh-)Förderung, denn eine Frau (oder Mann, klar), die aus lauter Förderungswille von der Mutter des eigenen Kindes zu dessen Therapeutin mutiert, kann ja wiederum auch nicht sonderlich förderlich sein, nicht wahr?

Wie kann es gelingen, hier die Balance zu halten?

Ein weiteres Dilemma ergibt sich daraus, dass man sich, um an den Baustellen des Kindes gezielt arbeiten zu können, zunächst einmal ausführlich mit diesen beschäftigen muss.

Wenn wir Ronja im Alltag beim robben unterstützen, wie wir es bei der Krankengymnastik gelernt haben, dann ist in dieser Handlung für mich gleichzeitig auch immer der Blick aufs Defizit präsent: “Andere können das schon in deinem Alter. Du kannst es noch nicht. Es ist schlecht, etwas noch nicht zu können, was andere schon lange beherrschen. Deswegen helfen wir dir/fördern wir dich/üben wir.”

Das ist die zugrunde liegende Argumentationsstruktur. Sie bleibt letztlich gleich, bei allen Differenzierungen, die man zugegebenermaßen vornehmen muss. Zum Beispiel kann man berechtigterweise einwenden, dass die Krankengymnastik nicht dazu dient, dass Ronja etwas schneller lernt, sondern sie ihr helfen soll, es richtig zu lernen. Das ist korrekt und auch sehr gut so, aber es ändert nicht viel. Statt etwas “noch nicht” zu können kann Ronja dann eben etwas nicht “richtig”. Das Argument dahinter bleibt das gleiche.

Es gibt viele Momente in unserem Alltag, in denen ich Ronja nicht aus ihrem Spiel herausreißen möchte, um an ihren Bewegungsabläufen “herum zu therapieren”.

Weil ich die Momente mit ihr einfach genießen möchte, ohne mich darauf zu konzentrieren, was sie noch nicht kann und weil ich oft gar nicht so sicher bin, ob sie nicht ohne meine Interventionen viel besser zurecht kommt. Ronja ist neugierig und Bewegungsfreudig und sie WILL alles ausprobieren. Wenn das Down Syndrom nicht wäre, dann hätte ich keinerlei Bedenken, dass sie schon alles wichtige von alleine lernen wird, wenn sie so weit ist. Aber mit der Trisomie? Kann ich mir da so sicher sein? Gibt es nicht doch Dinge, bei denen sie eher mal einen kleinen oder größeren Anstupser braucht als andere Kinder?

Ronja isst Brötchen
Zähne hat Ronja auch mit 9 Monaten noch nicht. Großes Interesse an fester Nahrung hingegen schon.

Damit ihr mich nicht falsch versteht: Wir mögen Ronjas Physiotherapeutin sehr und gehen gerne hin. Und wir fördern Ronja zuhause im “normalen” Bereich (singen, lachen, vorlesen, spielen, toben, erzählen, für-sich-sein-lassen…) in jeder Hinsicht. Auch viele Übungen und Tipps aus der Physiotherapie setzten wir gerne zuhause um. Aber eben nicht immer. Und vor allem nur dann, wenn es sich für uns als Eltern “richtig” anfühlt.

Womit wir beim dritten Problemfeld der Förderung wären, nämlich dem Verhältnis von Eltern zu Therapeuten. Als Eltern sind wir Experten für unser Kind. Im Rahmen der Therapie oder Förderung kommen nun Experten für den “Förderschwerpunkt” unseres Kindes, die uns erstens (wenngleich meist sehr empathisch und gut geschult) erzählen, was mit unserem Kind “nicht stimmt” und zweitens auch besser als wir Eltern wissen, was wir tun müssen, um an den Baustellen effektiv zu arbeiten.

Selbst bei größter Sympathie ist das auch für mich nicht immer ganz einfach. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich entweder beginne, Ronja zu verteidigen (“Also, eigentlich schafft sie das schon. Sie ist halt müde heute…”), oder Lob erheischend aufzuzählen, was sie alles schon kann. Völliger Quatsch angesichts der Tatsache, dass schließlich alle auf Ronjas Seite sind. Aber das Bedürfnis schleicht sich ein. Alternativ fühle ich mich auch mal schuldig (“Habe ich sie vielleicht nicht adäquat gefördert?”), oder sogar angegriffen.

Wie also findet man das richtige Maß zwischen Mutter (Vater) -Sein und Therapeutin, zwischen Defizitorientierung und Realitätsverleugnung oder Verklärung des eigenen Kindes? Wie schafft man es, Expertenrat anzunehmen, ohne die eigene Erziehungskompetenz in Frage zu stellen oder in Frage stellen zu lassen?

Von einer Patentlösung bin ich weit entfernt. Bei vielem höre ich auf mein Bauchgefühl. Ronja bekommt momentan nur Krankengymnastik. Sie mag ihre Physiotherapeutin, scheint Spaß zu haben und ich selbst sehe die Stunden dort weniger als Turnstunden, sondern eher als Begleitung und Austausch darüber, wie ich Ronja beste Voraussetzungen für Ihre Entwicklung schaffen kann. Trotz aller oben diskutieren Probleme fühlen wir uns bei der Frühförderung wohl. Wäre dies nicht so, dann würde ich mit Ronja wohl nicht hingehen.

Ich höre immer mal wieder, dass in Verbindung mit der “Bürde” Down Syndrom die Rede ist von all den Therapien, die man als Eltern so besuchen “müsse”.

Wiederum, das Folgende bitte nicht falsch verstehen: Ich finde Förderung richtig und wichtig. Aber letztlich fördern wir doch, um in Summe gemeinsam mit unseren Kindern eine höhere Lebensqualität zu erreichen. Wenn das Fördern nun irgendwann so in Stress ausartet, oder sich so fremdbestimmt anfühlt, dass es die Lebensqualität mindert anstatt sie zu steigern, dann darf man die eine oder andere Therapie vielleicht auch einfach mal streichen. Zugunsten der Muße, Zufriedenheit und Lebensfreude, unabhängig davon, wo das eigene Kind gerade steht. Ganz selbstbestimmt, weil letztlich niemand besser weiß, was das eigene Kind braucht (und auch, was man selbst braucht!), als man selbst.

Ronja greift ihrer Mama ins Gesicht
Einfach mal den Moment genießen.
Zumindest das Down Syndrom kann man nicht “wegtherapieren”. Egal, wie man sich bemüht, man kann dem Kind nur helfen, die Anlagen optimal zu entwickeln, die bereits in ihm stecken.

Das ist sehr viel was man tun kann und gleichzeitig sehr wenig. Es ist ernüchternd, sich das klar zu machen, aber es ist auch ungeheuer befreiend zu wissen, dass jedes Kind seinen ganz eigenen inneren, weitgehend unbeeinflussbaren Entwicklungsplan hat.

“Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht”.

Dafür zu sorgen, dass die optimalen Voraussetzungen für Wachstum gegeben sind, ist Herausforderung genug. Wenn wir das nach besten Kräften versuchen, können wir uns entspannt zurück lehnen, und, anstatt zu “ziehen”, einfach mal unsere Kinder genießen. Genauso, wie sie sind.

4 Gedanken zu “Wie soll man ein Kind mit Down Syndrom fördern?

  1. Sehr gute Einstellung supergut auf den Punkt gebracht. Ich glaube, dass ihr damit Ronja aufs Beste fördern könnt. Fördern ohne Überfordern und speziell auch das Potenzial nutzen, dass sich auch in augenscheinlichen Ruhe-, Entspannungs- und Kuschelstunden verbirgt. Ich bin überzeugt, dass ein sich entwickelndes Gehirn diese Ruhephasen braucht, um die vorher erlebten Eindrücke effektiv zu verarbeiten. Und noch etwas: Eine Weiterentwicklung zeigt sich NICHT immer nur in sichtbaren Entwicklungsschritten. Auch, wenn sich mal scheinbar “nichts ” tut, tut sich im Gehirn ganz viel…….Was mir bei Ronja übrigens auffällt, ist ihr wacher Gesichtsausdruck. Aus der Entfernung gesehen, ein Kind , das gut gedeiht …..

  2. Das schwierigste und gleichzeitig eigentlich das einfachste daran Mutter/Eltern eines Kindes mit “besonderen Bedürfnissen/Voraussetzungen” zu sein war/ist (auch nach inzwischen fast 21 Jahren) das Kind so anzunehmen wie es ist…
    Ich mache das Kind nicht schneller, besser, perfekter als es ist (auch wenn jede neue TherapeutIn meinte, dass mit ihrem Ansatz genau das zu erreichen wäre) – weil es gut so ist wie es ist und wie es sich entwickelt…

  3. Ich hatte schon einen ganz langen Kommentar geschrieben,aber irgendwie konnte ich ihn nicht abschicken…
    Förderung unserer besonderen Kinder-wieder ein ganz interessantes Thema,was mich oft beschäftigt. Ich glaube ohne zusätzliche Förderung schöpfen wir nicht das Potential unserer Kinder aus. Aber nicht fördern auf Krampf-also wenn es das Kind überfordert. Oder uns als Familie überfordert. Das bringt keinem was.
    Ich möchte immer ein gutes Gefühl dabei haben und davon überzeugt sein,dass es meinen Sohn weiter bringt. Weiter seine Fähigkeiten auszubauen, das er es leichter hat,in unserer Gesellschaft teilzuhaben.
    Ich teile deine einstellung und finde,ihr macht das richtig. Auch mal entspannt zurücklehnen…
    Liebe Grüße
    Ulrike

    1. Liebe Ulrike,

      danke, dass du es trotzdem nochmal mit kommentieren versucht hast. Ich schaue mir mal an, ob es bei der Kommentarfunktion einen Fehler gibt…

      Zum Thema Förderung: Vielleicht ist “Potential” genau das richtige Stichwort. Denn Potential bedeutet ja, das etwas bereits angelegt ist, was lediglich noch entwickelt werden muss. Im Hinblick darauf, Potential in diesem Sinne zu entfalten, ist die richtige Förderung natürlich unerlässlich. Da hingegen, wo kein Potential vorhanden ist, wird auch die beste Förderung wenig bewirken können.

      Spannend übrigens, dass du von Teilhabe sprichst. Das ist ein Thema, das ich in dem Artikel gar nicht berührt habe. Ich fördere und erziehe ja nicht nur für mich und mein Kind, sondern auch mit Blick darauf, was die Gesellschaft erwartet. Das, was ich wichtig finde und das, was mein Kind können muss um es später leichter zu haben, bzw. nicht augegrenzt zu werden, muss nicht unbedingt immer das gleiche sein…

      Liebe Grüße!

      Gundula

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